Zunächst möchte ich ein paar Dinge vorausschicken: Unten stehender Eintrag wurde von mir im letzten Winter während einer elend langen Zugfahrt verfasst, ist also nicht gerade aktuell. Ich hatte mich damals ob der Unlustigkeit entschieden, sowas nicht zu posten. Da mir nichts Besseres einfällt momentan, hier also die B-Ware. Zum Thema:
Insbesondere bei vielen Touristen, die Japan für eine kurze Zeit besuchen entstehen sehr schnell oberflächliche Eindrücke, die nicht ganz der Realität entsprechen, für diese Touristen aber zementierte Wahrheiten werden.
Weiterhin, und so ist mein persönlicher Eindruck, ist bei länger in Japan verweilenden Personen, die oft viele Anstrengungen, Mühen und Nachteile in Kauf genommen haben um hier zu verweilen, manchmal die Tendenz zu erkennen, sich wirklich alle und jede Sachen in Japan schön- und alle und jede Sache in Deutschland schlecht zureden, eine sehr menschliche Eigenschaft…
Das geht mir manchmal aber auf die Eier. Insbesondere, wenn Japan in den Himmel gelobt wird. Von Leuten die keine Ahnung haben.
Also im Prinzip jeder, mit Ausnahme meiner direkten Vorgesetzten und der hzB.
Auf der anderen Seite war ich jetzt auch schon fast zwei Jahre nicht mehr in Deutschland. Es kann sein, daß ich, beim nächsten Besuch, ob des ersten unhöflichen Wortes eines Mitarbeiters des Service Teams in die Luft gehen und diesen Blogeintrag verteufeln werde.
Nun denn, auf zu dem etwas langatmigen Eintrag:
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Die Züge in Japan sind pünktlich, sauber und die Mitarbeiter von Japan Railway sind stets zuvorkommend und höflich.
Das ist das Klischee – und es stimmt auch weitestgehend.
Was mich jedoch ab und zu irritiert, sind Kommentare von Japanreisenden, die das zum ersten Mal erleben und nur die Vorteile des japanischen Bahnsystems sehen, meist noch mit einem frischen Eindruck von irgendeiner chaotischen Situation aus Deutschland.
There is no such thing as free lunch. Typische Binsenweisheit (1), mit gewissem Wahrheitswert. Die Ursachen und Gründe, warum in Japan Bahnfahren angenehm ist, sind vielfälig:
Sauberkeit der Züge. Natürlich sind die Züge in und um Tokyo modern und gepflegt, aber das sind z.B. die Nahverkehrszüge in vielen (reicheren) deutschen Städten auch. Aber auch in kleineren Städten, wo weniger investiert wird, sind die Zugwaggons vielleicht ein bisschen älter und sehen so aus, als hätte der Zahn der Zeit daran genagt – sind dabei aber gepflegt. Der Grund ist einfach, daß in Japan Vandalismus nicht existiert. Es gibt keine Graffiti, es gibt keine Möchtegernkünstler die statt Graffitis nur die Züge mit ihren “Tags” vollschmieren, es gibt keine “Scratcher” und keine Sitzaufschlitzer. Damit einher geht natürlich eine sehr konfliktscheue Gesellschaft oder sagen wir eher, eine Gesellschaft in der Konflikte nicht offen ausgetragen werden. Obwohl so generalisierende Aussagen immer sehr problematisch sind, kann man schon mit Fug und Recht behaupten, daß Autoritäten tendenziell eher akzeptiert und respektiert werden, ohne sie zu hinterfragen. Mit all den sich dadurch ergebenen Vor- und Nachteilen.
Pünktlichkeit der Züge. Zum einen ist es nicht so, daß japanische Züge immer pünktlich sind – besonders nach dem berühmt-berüchtigten Unfall 200X. Und auch plötzlicher Wintereinbrucht stellt die Infrastruktur hier vor Probleme. Wir hatten hier neulich ein bisschen Schnee, siehe Foto – und die Freundin der hzB, die zufällig in meine Heimat, nach K-Stadt aufbrach, brauchte 7 Stunden hierhin – 4 Stunden dauert die Verbindung normalerweise. Das ist ein Extremfall – aber auch ich hatte schon 45 Minuten Verspätung zur Silverweek, das Posting schreibe ich momentan im Zug und der hat, aufgrund des Wintereinbruchs und diverser Kleinigkeiten auch wieder 15 Minuten Verspätung.

Ein bisschen Schnee
Im Vergleich zu den Problemen in Deutschland ist das natürlich immer noch sehr akzeptabel. Es kommen aber noch ein paar Unterschiede hinzu:
Das japanische Schienennetz weist lange nicht einen so hohen Vernetzungsgrad wie das deutsche auf. Natürlich ist hier nicht Frankreich, wo es im Prinzip nur Paris gibt, und dann der Rest sternförmig abgeht. Aber, als ich z.B. obig genannte Verspätung von 45 Minuten hatte, hat man den Anschlusszug einfach 45 Minuten warten lassen. In Deutschland ist das unmöglich – würde man so verfahren, würde sich die Verspätung quasi sternförmig im Netz ausbreiten. Das liegt, so würde ich sagen an Deutschlands föderaler Struktur und Städtelandschaft. Hinzu kommt, daß das Schnellzugnetz in Japan auf getrennten Gleisen läuft. Afaik unterscheidet sich sogar die Spurbreite. Seperate Trassen in Deutschland bauen? Hm. Ich denke, dass wäre Anfang der 90er nicht ohne große Verzögerungen und Proteste abgelaufen, durch Bürgerintiativen, durch Debatten über Naturschutz (ein befreundeter Engländer meinte mal zu mir, daß man in Japan alles zubetoniere, sei ja auch eine Art Naturschutz, im Sinne daß das was man mag, für die Ewigkeit konserviert werde…)
Japan ist keine Transitland. Ich habe keine Zahlen, aber Deutschland liegt in der Mitte Europas und der Warenverkehr durch und in Deutschland über die Schiene ist enorm – und zum großen Teil ist das ja gewollt. Während in Japan nachts Wartungsarbeiten und Reparaturen an der Infrastruktur vorgenommen werden können, jagt man in Deutschland Güterzug um Güterzug durchs Netz. In Deutschland steht der Güterverkehr in einem echten Konkurrenzverhältnis zum Personenverkehr.
Der Ausbau des Schienennetzes: Auch wenn in Deutschland nach und nach Verbindungen gestrichen werden, ist es schon so, daß man (fast) jedes Kaff (noch) in Deutschland per Zug erreichen kann. Das ist in Japan nicht so, sicherlich u.a. auch aufgrund der geographischen Situation. Ich nehme als Beispiel immer gerne die Heimatstadt der hzB – über eine Millionen Einwohner, aber praktisch ohne Fernverkehrsanbindung (d.h. kein Shinkansen, noch nichtmal ein echter Schnellzug). Will man dahin, dann führt im Prinzip kein Weg vorbei am Flugzeug. Falls man nicht Lust auf eine mehrtägige Schiffsreise hat. Und nein, sie kommt nicht aus Okinawa.
Der Service, den man genießt wird am Ende bezahlt: Bezahlt, da mehr Servicemitarbeiter beschäftigt werden. Bezahlt, da größere Reserven vorbehalten werden. Etc. etc.
Als Student hatte ich in Deutschland ein Semesterticket, das kostete ca. 90 Euro / Semester*. Damit konnte man sämtliche lokalen Nahverkehrsverbindungen umsonst benutzen (Bus, S-Bahn), sowie einige ausgewählte längere Regionalverbindungen. Mittlerweile kann man in ganz NRW damit fahren.
Die hzB hat im Moment auch ein Studententicket. Damit kann sie genau von Station A in Tokyo (nahe ihrer Wohnung) zu Station B (nahe der Uni) fahren – auf allen anderen Strecken zahlt sie den Normalpreis. Das Ticket kostet sie etwa 125 Euro – pro Monat**.
Wenn ich nach Tokyo fahre, kostet das etwa 230 Euro hin- und zurück. Übrigens ohne Shinkansen, den gibt es hier leider noch nicht. Sie bauen ihn seit Ewigkeiten, aber _nächstes_ Jahr, ganz sicher, wird er fertig werden. Ich schätze, kurz nach Release von Hurd. Vergleichbar ist das etwa mit der Strecke Köln – Stuttgart. Nunja, nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich, aber irgendein Kriterium muss her, und sowohl Luftlinie als auch gefahrene Strecke sind in in etwa gleich. Als ich gerade auf der DB-Homepage nachschaute, kosteten Hin- und Rückfahrt mit dem ICE 170 Euro, ohne jeglichen Rabatt. Man bedenke, daß es in Deutschland ohne Weiteres mit Bahncard o.ä., möglich ist, den Preis um 40% oder mehr zu senken.
Die 230 Euro zahle ich dagegen immer – hier gibt es keine Bahncard, es gibt keinen Frühbucherrabatt, es gibt kein gar nichts. Das Preissystem hier ist sehr einfach – man zahlt immer den vollen Preis.
Kurz: Der Service wird hier bezahlt, er spiegelt sich in dem Preis von Dienstleistungen wieder. In Deutschland ist die Bereitschaft, für Service zu bezahlen, sehr gering. Wenn in Deutschland die Bahn die Preise erhöht, geht ein Aufschrei durchs Land – zurecht und nachvollziehbar, denn dann ändert sich zunächst einmal der Fahrpreis und sonst nichts. Trotzdem glaube ich nicht, daß die Bereitschaft für Service zu bezahlen wirklich da ist. Aldi und Co sind groß und wenn ich die Strecke zwölf mal im Jahr fahre dann rechnet man schon mal nach – mit einer Art Bahncard würde ich, verglichen, sehr viel Geld sparen. Auch die Akzeptanz… ich kann mich erinnern mal in DE zu Feiertagszeiten einen Regionalexpress erwischt zu haben, der leicht verspätet und in etwa so voll war, wie die Yamanotelinie in Tokyo… aber nicht zur Rush-Hour, so voll war es dann doch nicht.
Die Reisenden hätten die Schaffner fast gelyncht – in Japan ist das normal. Ein 1.Klasse-Ticket, wo ein Sitzplatz in DE fast immer garantiert ist, hat dann aber doch irgendwie niemand gekauft, und auch im Zug nicht upgegradet.
Damit das nicht falsch verstanden wird – ich wünsche mir hier nicht Zustände wie in Deutschland herbei, ich bin soweit froh, das das System hier so funktoniert, wie es funktioniert und ich genieße den Service. Aber man kann nicht so einfach vergleichen, ohne alle Aspekte zu berücksichtigen. Das japanische Modell ist nicht 1:1 übertragbar und man kann sich nicht die Rosinen herauspicken und dann über DB schimpfen. Verbesserungen hat das Bahnfahren in Deutschland bitter nötig, aber wie weit man sich dabei aber an Japan orientieren kann ist fraglich.
* jaja, die faulen, reichen Studenten die um 12 Uhr aufstehen, dem Staat auf der Tasche liegen, und den ganzen Tag nichts tun außer Haschisch zu spritzen und Stromgitarre zu spielen
** ich benutze hier einen angepassten Umrechnungskurs, der sich am McDonalds-Index orientiert, um Einkommensverhältnisse und “gefühlte” Preise wiederzugeben. “Gefühlt” sind 1 Euro in Japan 100 Yen(= der Preis eines Hamburgers beim lustigen Clown), nicht 130 Yen.
(1) ich empfehle zum Thema Binsenweisheiten die Excel-Folge mit Christian Spanik und Hannes Rügheimer, in der ebendieses durch Erstgenannten trefflich analysiert wird.
PS: Nach der Hakelei jetzt doch wieder mit WordPress. Alte Kommentare sind wieder da, von den letzten drei, vier Postings jedoch verloren.